Am Ende seines Lebens war Vinzenz intensiv mit der Organisation der Seelsorge und der Betreuung von Galeerensträflingen betraut, sowohl in Frankreich als auch in Nordafrika. Als königlicher Galeerenseelsorger war er für ca. 7.000 Zwangsruderer (Forçats) verantwortlich, von denen ca. 1.500 Kriegsgefangene, meist Muslime, waren, die als Sklaven gehalten wurden. In Nordafrika betreuten Vinzenz und seine Missionare in den Jahren 1645 bis 1660 eigenen Angaben zufolge zwischen 16.000 und 30.000 christliche Gefangene, von denen viele als Sklaven Zwangsarbeit – auch auf Galeeren – verrichteten. Viele von ihnen hofften auf einen Freikauf.


Das gängige Bild, wonach Vinzenz im Jahre 1617 die Armen insgesamt gleichsam entdeckt hätte und sehr bald auch für die Galeerensträflinge aktiv geworden wäre, widerlegt Steinke in seiner Dissertation von 2017. Nach ihm ist es eigentlich umgekehrt: Obwohl Vinzenz sehr früh durch seinen Arbeitgeber, Graf de Gondi, General der Galeeren Frankreichs, mit der Realität der auf die Galeeren verurteilten Männer in Kontakt kam und durch dessen Vermittlung 1619 den neu geschaffenen Posten eines „königlichen Oberseelsorgers“ der Galeeren mit entsprechenden Einkünften erhält, ließe sich bis zum Jahre 1643 relativ wenig von einem konkreten Wirken zugunsten dieser Ärmsten der Armen feststellen.


Das positiv verklärende Bild des ersten Biographen Abelly gipfelt in der völlig unrealistischen Anekdote, Vinzenz hätte sich in Marseille, lange vor der Gründung eines Hauses zur Betreuung der kranken Galeerenruderer in dieser Stadt, eines Tages anstelle eines Verurteilten anketten lassen. Andere Biographen haben es dabei belassen, dies in Abrede zu stellen und da und dort kritische Fragen zu stellen. Steinke geht mit seiner Kritik aber insgesamt noch viel weiter, in einzelnen Punkten, wie zu zeigen sein wird, zu weit.


Aus guter Quelle ist bekannt, dass General de Gondi 1618 für die kranken Galeerensträflinge in Marseille ein Hospital zu bauen beginnt. Das Projekt wird freilich aufgrund finanzieller Schwierigkeiten bald eingestellt. Im Jahr darauf wird Vinzenz königlicher Galeerenseelsorger. Vor Steinke haben die Biographen beides dem positiven Einfluss von Vinzenz und seiner Liebe zu den armen Galeerenruderern zugeschrieben. Steinke sieht die Initiative beim General, deutet aber dessen Absichten stärker in Richtung militärischer Nutzen. Eine Oberaufsicht über die Seelsorge in Zeiten, wo sich wieder Konflikte mit den Protestanten (Hugenotten) anbahnten, kann auch als eine disziplinatorische und antiprotestantische Maßnahme verstanden werden (Steinke, 69).


Dass dem General die Seelsorge der Galeerensträflinge wichtig war, geht auch aus den Worten von Vinzenz hervor, mit denen er so nebenbei in der Konferenz von 1659 über die Mission auf den Galeeren berichtet, die 1623 in Bordeaux vor Anker lagen: Zur Zeit, als ich noch beim General der Galeeren war … geschah es . . . dass er mich dorthin sandte, um unter den armen Rudersklaven eine Mission zu halten; dies machte ich mit Hilfe von Ordensleuten der Stadt aus unterschiedlichen Gemeinschaften, zwei auf jeder Galeere. (XII, 218)


Vinzenz tritt hier wieder einmal als Organisator auf. Als königlicher Seelsorger hat er dazu die Befugnis. Wie aber sollte er etwas organisieren, das er nicht aus eigener Erfahrung kennt? Die Untersuchungen von Steinke ergeben, dass dies offensichtlich die einzige Mission auf den Galeeren ist, an der Vinzenz bis 1643 beteiligt ist. Zumindest könne die von Abelly erwähnte Mission 1622 in Marseille nicht stattgefunden haben, denn die Schiffe waren bereits ein Jahr vorher ausgelaufen (81). Wenn überhaupt, dann kann Vinzenz nur vor 1621 in Marseille auf den Galeeren gewirkt haben.


Auch die Stiftungsurkunde des Ehepaars de Gondi für die Gründung einer Priestervereinigung zur Missionierung ihrer Untertanen von 1625, aus der dann die Lazaristen hervorgehen werden, zeigt den General als treibende Kraft der Seelsorge. Vinzenz und seine Mitbrüder sollen ja zunächst auf dem Land außerhalb der Erntezeiten Volksmissionen halten. Die freien Zeiten sollen für geistliche Einkehr, Erholung und für fromme Werke aller Art genutzt werden. Ausdrücklich wird aber auch die geistliche Betreuung der armen Galeerensklaven genannt, damit sie aus ihren körperlichen Leiden Nutzen ziehen. Der General der Galeeren, heißt es in der Stiftungsurkunde weiter, habe von Amts wegen nicht für die Seelsorge der Ruderer zu sorgen, er wünscht aber ein solches Werk aus christlicher Nächstenliebe. (Vgl. XIII, 201)


Dass Vinzenz und die Mitbrüder trotz dieses Auftrages bis 1643 wenig auf den Galeeren präsent sind, erstaunt. 1626, nach dem Tod seiner Frau, dankt General de Gondi zugunsten seines Sohnes ab und wird Ordenspriester. Er ist mit Vinzenz weiter in Kontakt, macht sich aber nicht mehr für die Seelsorge der Ruderer stark. Vielleicht wollte er nicht in das Aufgabenfeld seines Sohnes hineinregieren. (178)


In Paris ist die Lage anders. Für die Sträflinge, die auf den Abmarsch zu den Ruderbänken in dunklen Verliesen warten, sind weder der General noch Vinzenz zuständig. Ihre Seelsorge ist Angelegenheit der jeweiligen Pariser Pfarrer. Vinzenz muss hier vorsichtig sein, erlebt er doch mit der Gründung der Lazaristen insgesamt eine starke Opposition von Seiten des Pariser Klerus. Das haben auch andere Autoren vor Steinke so gesehen, zumeist aber argumentiert, Vinzenz wäre im Hintergrund tätig gewesen. So hätte er etwa die dezidierte Hinwendung der Companie du Saint-Sacrement zur Betreuung der Galeerensklaven ab dem Zeitpunkt ihrer Gründung 1630 betrieben. Steinke lässt das nicht gelten (98). Seine Quellenstudien ergeben, dass George Froger ab 1630 die treibende Kraft der Seelsorge der verurteilten Galeerenruderer in Paris war. Er ist führendes Mitglied der Compagnie und in seiner Pfarre St. Nicolas-du-Chardonet wurde ab 1632 das Gefängnis La Tournelle für die Forçats eröffnet. Abelly habe sein Wirken Großteils für Vinzenz vereinnahmt. (91)


Ich gebe auch hier in vielen Punkten Steinke recht. Aber er unterschätzt Luise von Marillac und ihre enge Zusammenarbeit mit Vinzenz. Genau in der Pfarre von Froger hatte sie 1629 einen Caritasverein gegründet, nachdem die Verhandlungen von Vinzenz mit Froger darüber vorher gescheitert waren – ein konkretes Beispiel für die Pariser Pfarrer, die gegen Vinzenz opponieren. Luise leitet den Verein. Sie passt 1631 wohl im Hinblick auf eine zukünftige Tätigkeit für die Galeerensträflinge die Statuten an, denn sie will den Generalprokurator Molé, der für alle Pariser Gefängnisse die Oberhoheit innehatte, informieren (vgl. I, 11 7f). Wohl mit Zustimmung ihres Pfarrers Froger wird sie im nächsten Jahr dort tätig. Vinzenz ist wie immer gut informiert und schreibt ihr: Die Liebe zu diesen armen Forçats ist von unvergleichlichem Verdienst vor Gott. Sie taten gut, ihnen beizustehen … Aber das alles ist nicht leicht! (1, 166)


Leichter wird es, als die Mädchen der Caritasvereine, die Barmherzigen Schwestern, kommen und ein Wohltäter 1639 mittels Testaments eine große Summe für die Betreuung der Galeerensträflinge stiftet. Der Generalprokurator selbst verwaltet das Geld. Zwei bis drei Schwestern bekommen die Aufgabe, die Gefangenen täglich mit gutem Essen zu versorgen, ihre Kleider zu waschen und die Zellen zu reinigen. Dieser Dienst ist sehr anspruchsvoll, ja gefährlich. Luise und Vinzenz schreiben daher eine kleine eigene Regel, in der es heißt, die Schwestern sollen stets sanftmütig mit den Verurteilten sein, großes Mitleid mit ihnen haben … aber niemals mit irgendeinem alleine sprechen, noch den Worten Glauben schenken, mit denen sie ihre Unschuld beteuern … (ES 763). Die Frage von Schuld und Unschuld hätte die Schwestern wohl überfordert. Was sie brauchen, sind aufmunternde, sinnstiftende Worte. Dafür hatte Vinzenz eine Gabe: Oh meine Schwestern, welche Freude, diesen armen Sträflingen zu dienen, die den Händen von Menschen überantwortet sind, die kein Mitleid haben! Ich habe diese armen Leute gesehen, die wie Tiere behandelt wurden. Das hat Gottes Mitleid erregt und er … lenkte die Dinge so, dass sie von seinen eigenen Töchtern gepflegt werden; denn eine Tochter der christlichen Liebe, das bedeutet so viel wie eine Tochter Gottes. (X, 125)


Bis zum Jahr 1643 ist die historische Ausbeute von konkreten Taten von Vinzenz und seinen Mit-brüdern zugunsten der Galeerensträflinge – trotz ihrer offiziellen Zuständigkeit – gering. Vinzenz‘ größte Wohltäterin nach dem Ehepaar de Gondi die Herzogin von Aiguillon wird das in der Folge ändern.


Alexander Jernej CM

Foto: © ilkay / adobe stock